Tote Kinder und Kaffee
Zwei Baby-Leichen in einem Küchenschrank. Eingewickelt in Zeitungspapier aus den 30er Jahren. Jahrzehnte unentdeckt. Mumifiziert.
Was treibt Eltern dazu, ihre Kinder zu töten und dann so zu verstecken, fragt sich die Redaktion in der Konferenz. Das Thema soll in der 15-Uhr-Sendung, der ich gerade zugeordnet bin, aufgearbeitet werden. Ich finde, es ist Zeit für einen kriminologisch-kulturellen Brückenschlag und erkläre: “In Germany, parents prefer to hide their dead kids in the freezer.” Es gibt sie eben doch, die kleinen Unterschiede zwischen den USA und Deutschland.
Teppichböden im Sender-Design zählen wohl auch dazu und natürlich Verfolgungsjagden. Sie sind fester Programmbestandteil der Nachrichtensender (”It’s a race! It’s sports!”). Mehrmals die Woche schallt es “Car Chase!” durch den Raum. In der Redaktion starren dann alle auf den Bildschirm. Aber auch in den Büros der Finanzinstitute Manhattans steht das Leben still, wie mir mein Mitbewohner erzählt, der bei einer Investmentgesellschaft arbeitet. Die Verfolgungsjagd vom Donnerstag endete übrigens auf dem Flughafen von Dallas. Gab schon Schlechteres, sind sich die Kollegen einig.
Deutsche Themen (und Verfolgungsjagden) spielen hingegen eine untergeordnete Rolle. In meiner bisherigen Zeit sind mir eigentlich nur zwei Nachrichten aus der Heimat begegnet: Der Prozess gegen die HIV-infizierte “No Angels”-Sängerin Nadja und die Schließung der Hamburger Al-Quds-Moschee.
Uh, Moschee, eigentlich sollte man das Wort hier in New York derzeit besser komplett vermeiden. Seit in der Nähe von Ground Zero ein muslimisches Kulturzentrum plus “Mosque” gebaut werden soll, schlagen die Emotionen hoch und bekommen entsprechend viel Sendefläche. Häufig heißt das: Kurze Einführung ins Thema durch die Moderatorin, und mehr oder weniger sachlich diskutieren dann jeweils ein Befürworter und Gegner. Ein konfrontativer Stil, der nur wenig gemein hat mit der mitunter betulichen Atmosphäre deutscher Nachrichtensendungen.
Alles andere als krawallig ist der Umgang der amerikanischen Kollegen mit mir. “Ey, Prakti, koch mal Kaffee!” musste ich auch in Woche 3 nicht einmal hören. Was fast ein wenig schade ist, weil die Kaffeemaschine soll toll ist. Aber guckt selbst.
Ich weiß: Der Abschnitt “Brühvorgang” hat so seine Längen… Glückwunsch, wer bis zum Ende durchgehalten hat. Und fragt bitte nicht, was der Kollege, der mich die Maschine filmen sah, nun von mir denkt. Egal. Es ist nun mal mein Job, die Realität möglichst genau abzubilden.
Zum Abschluss daher noch das folgende Foto:
Ein grüner Feuerlöscher. Nicht zu fassen!
Freunde, ich bin tatsächlich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten…
Vergangenheit
Harrington
Wo zum Teufel ist Harrington? Ratlos blicke ich auf die Email des Executive Producers. Zeit und Ort der täglichen Vorbesprechung hätten sich verschoben, kündigt er darin an:
Harrington… Wieso treffen wir uns ausgerechnet dort? Warum nicht im Büro? Oder geht es um eine Videokonferenz und nur die Moderatorin Chris Jansing (“CJ”) ist in diesem Harrington? Hier in den USA kommt es häufiger als in Deutschland vor, dass die Anchor “on location” sind, also von vor Ort und nicht aus dem Studio eine Sendung moderieren. Aber saß Chris mir nicht gerade noch gegenüber?
Ich bin verwirrt, und auch Google Maps hilft mir nicht wirklich weiter. Sprechen wir von Harrington in Delaware, dem in Georgia, dem in Kalifornien oder einem der vielen anderen Harringtons? (Achtung, deutsche Leser: An den verlinkten Orten ist Streetview verfügbar. Bitte trotzdem die Nerven bewahren.)
Kalifornien könnte natürlich sein. Am Wochenende ist CJ mal eben von New York nach LA geflogen, um über Imbiss-Wagen zu berichten.
Fast logisch also, dass auch wir mal einen Ausflug machen, um unsere Konferenz abzuhalten. Blöd nur, dass ich keine Jacke dabei habe. Wer weiß, in welche Klimazone wir reisen…
11.30 Uhr – und wir sind immer noch im Büro. Offenbar ist unser Trip abgeblasen. Denn selbst eines der nahegelegenen Harringtons könnten wir nun nicht mehr rechtzeitig erreichen. Und auch Chris ist unter uns, was gegen die Videokonferenz-These spricht.
Zudem sehe ich weder Essenspakete noch Gewehre, ohne die sich New Yorker wohl kaum auf eine Expedition in die Provinz wagen würden. Stattdessen trotten alle in Richtung Konferenzraum.
Als ich ihn betrete, fällt mir ein kleines Schild auf:
Ansonsten geht es mir gut.
Rinjehaun – und Moin!
Zum 1. Oktober ziehe ich von der Spree an die Elbe und beginne bei SinnerSchrader als Senior Manager Public Relations. Ich freue mich auf ein tolles Unternehmen, interessante Kollegen und eine neue Stadt!
(Übrigens: Für Wohnungstipps bin ich mehr als dankbar.)
Noodlers
Was machen wir, wenn wir Hunger auf Fisch haben? Wir gehen wahrscheinlich an die Kühltheke, auf den Markt oder ins Sushi-Restaurant. Der ein oder andere fährt vielleicht an einen Teich. Doch selbst dort wird er dann zu einer Angel greifen.
Anders als die Protagonisten der folgenden Reportage über Hand-Fischer, die so genannten “Noodlers”. Mit bloßen Händen gehen sie auf die Jagd nach Katzenfischen, die auch einmal 50 Pfund und mehr wiegen.
“Catfish Hunters“: Verrückte Rednecks und fantastische Bilder:
Für diesen Beitrag erhielt TV-Journalist Wright Thompson den Sports Emmy Award. Die Reportage lief auf ESPN im Rahmen von E:60 – einem Magazin, das auf Recherche und qualitativ hochwertige Umsetzung setzt.
Auf der ESPN-Website kann man mehr als 100 Videos abrufen. Besonders gut gefallen hat mir die Geschichte von Chelsea Baker. Die 13-Jährige spielt so gut Baseball, dass sie seit vier Jahren kein Spiel verloren hat. Und überforderte Jungs damit zum Weinen bringt.
Gangs in L.A.
Der geschaetzte Kollege Johannes Boie von der Sueddeutschen Zeitung ist derzeit ebenfalls als Stipendiat in den USA. Dort recherchiert er zum Thema Gangs. In einem ersten Schritt schaute er sich an, “wo alles endet”. Johannes besuchte das Kuehlhaus der Gerichtsmedizin von Los Angeles. (Achtung: Der Bericht enthaelt Fotos von Leichenteilen…)






