Am Apparat
So viele Chefs in einem Raum habe ich zuletzt auf einem FDP-Parteitag gesehen.
Es herrscht Aufregung im Newsroom von MSNBC.
Auf allen Bildschirmen im Raum flimmern Live-Bilder aus Washington. Hostage Situation. Ein bewaffneter Mann hat in den Büros des Fernsehsenders “Discovery” Geiseln genommen. Binnen Minuten haben sich Sender-Verantwortliche, Juristen und unglaublich viele Menschen in Anzügen an unserer Tischgruppe versammelt. Sie tuscheln und blicken dabei mit ernster Miene auf den Producer neben mir.
Der Kollege telefoniert. Er telefoniert mit dem Geiselnehmer.
Video: Producer schildert Gespräch
Was ist Ihr Motiv? Was sind Ihre Waffen? Ruhig und eindringlich stellt er ihm Fragen. Haltet ihn so lange wie möglich am Telefon, bittet die Polizei auf einer anderen Leitung.
Noch während das Gespräch läuft, beginnen die restlichen Kollegen mit der Recherche zu dem Fall. Breaking News sind schließlich das Geschäft des “Netdesks”, an dem ich seit letzter Woche sitze. Er ist das Herz von NBC News, wo buchstäblich alle Drähte zusammenlaufen: von Redaktionen, Korrespondenten und Partnersendern in den Bundesstaaten.
Bis vor wenigen Minuten hatten sich noch alle Kollegen Hurrikan “Earl” gewidmet, der auf die Ostküste der USA zurast.
Nun sitzen wir selbst im Auge eines Wirbelsturms. Der Producer wollte eigentlich nur erste Meldungen über “einen möglichen Vorfall” abklopfen. Er rief im Foyer von “Discovery” an – und der Geiselnehmer hob ab. Niemand möchte in dieser Situation einen Fehler machen. Zehn Minuten sprechen sie inzwischen schon.
Nicht auszudenken, wenn ich den Täter am Telefon gehabt hätte. Den ganzen Tag hatte ich schließlich am Hörer verbracht.
Meine Aufgabe: Alle Notfall-Koordinatoren in Bundesstaaten anzurufen, die von “Earl” betroffen sein könnten. Für Muttersprachler eine journalistische Fließbandarbeit. Für mich eine Lektion in Demut.
Als ich einem Beamten mein Anliegen schildere, schweigt er für ein paar Sekunden und legt dann auf. Lost in Translation. Offenbar hielt er mich für einen Scherzanrufer oder einen Verrückten. Der deutsche Akzent tut im Zweifel sein Übriges. (Komme mir am Telefon hier manchmal so vor.)
Auch der Geiselnehmer legt plötzlich auf. Irgendetwas hatte ihn abgelenkt. Die Kollegen halten ihm eine Leitung frei, widmen sich aber nun ganz der Recherche. Der Sender entschließt sich, zunächst über das Gespräch zu schweigen. Sie wollen das Leben von Geiseln und Polizisten nicht gefährden. Erst nach Ende der Geiselnahme – die Polizei erschießt den Täter – veröffentlichen sie Ausschnitte aus dem Telefonat.
Zu diesem Zeitpunkt sitze ich bereits in Flushing Meadows und schaue Tennis.
Viele Reihen unter mir saßen übrigens auch eine Menge Chefs. Und Kanye West.
Habe ich aber leider nicht im Bild. Dafür ein Foto von Kim Clijsters.
Hello, My Name Is Cupcake.
Ort zum Sonntag
Samstag
WTF!? mit Salat
Nach dem Harrington-Vorfall bin ich vorsichtig geworden. Ich recherchiere gruendlicher, wenn ich etwas nicht verstehe. Doch nicht immer bewahrt mich das vor verwirrenden Situationen. Insbesondere dann nicht, wenn ich in der Kantine stehe, Lust auf gebratenen Fisch habe und es “Grilled Basa with salad” gibt.
“Baaasaaa… Baaassaaa?” murmele ich. Ist das Fleisch oder Fisch? Ich google “Basa” auf meinem Telefon. Der erste Treffer: Ein Wikipedia-Artikel ueber die “Bahnselbstschussanlage (BASA)”. Das hilft mir nicht weiter. Ausserdem bin ich schockiert und kann es kaum fassen: Die Bahn hat eine Selbstschussanlage? Ich dachte, die gab es nur in der DDR! Das ist ja furchtbar!
Der Mann am Grill mustert mich. Ach ja, meine Bestellung. Ein Klick auf die Google-Bilder-Suche beantwortet zumindest diese Frage. Eindeutig Fisch (Pangasius, uebrigens). Waehrend mein Essen brutzelt, wende ich mich wieder dem Telefon zu – und der menschenverachtenden Bahn.
Meine Betroffenheit wendet sich in Scham, als ich bemerke, dass die Bahn zwar Reisende in ICEs dampfgart, aber offenkundig nicht auf sie schiesst. (Noch nicht.) In meinem Hunger hatte ich lediglich ein paar Buchstaben uebersehen. Vielleicht ist einfach Zeit fuers Wochenende.
Herington
Katrina – five years later
Es begann als Hurrikan und wurde zu einem Trauma Amerikas. An diesem Wochenende jährt sich “Katrina” zum fünften Mal. Alle großen Networks und Newschannel senden live aus New Orleans und blicken zurück.
NBC-Anchor Brian Williams hat ein erschütterndes Special produziert. Es dokumentiert, wie der Hurrikan zuschlägt und eine Gesellschaft versagt. Insbesondere Teil 4 macht mich fassungslos.
Update:
Die sehr geschätzte (Ex-)Kollegin Katrin Sandmann schildert in ihrem Blog ihre Eindrücke von damals und hat noch ein paar sehr interessante Links.










